2011

Die Geburt ist der erste Verlust eines Kindes. 

Eine Schere durchtrennt die Verbindung zwischen mir und meinem Kind.

Ich bin Mutter geworden. 

Im Gesetz steht: § 1591 (BGB): „Mutter eines Kindes ist die Frau, die es geboren hat.“

Ich bin Eure Mutter.

All die Jahre habe ich Euch meine Fürsorge, Liebe und Pflege gewidmet. Mich um Euch gekümmert, aufopferungsvoll, bis an den Rand meiner Kräfte oftmals.

An Deinem 9. Geburtstag endet meine Mutterschaft.

Diesmal ist es keine Schere, die uns trennt.

Sondern ein Beil, das auf meinen Kopf niederrast, so schnell, dass ich nicht mehr reagieren kann. Sofort liege ich schwer verletzt am Boden: Grausam verstümmelt. 

Wimmernd schleppe ich mich davon, ich krieche auf dem Bauch liegend über den Asphalt. Mein Kinn ist aufgeschürft, meine Hände bluten – dreckig sind sie.  Schon zu schwach um meinen Körper zu stützen. Meine Jeans ist aufgerissen, Fetzen reiben knirschend. Ich stöhne. Mit den Schuhen versuche ich mich nach vorne zu robben. Ich will davon schweben und ganz leicht sein. Aber es gelingt mir nicht. Ich und der Beton sind eins. Erstarrt. 

Schwach hebe ich meinen Kopf, die Hände schaffen es gerade noch mich zu stützen. Ich wende den Blick zur Seite und sehe Pfeile, die auf mich niederfliegen und auf mich einstechen. Böse Blicke, hämische Heuchler: nette Nachbarn. Alle Fenster stehen offen. Wer nicht aus seinen Häusern gelaufen ist, um zuzusehen, der schaut aus den Fenstern. Die Straße ist klein. Aber alle sind sie heute da, um das zu sehen. 

Die Haustür steht offen. Ich kann hineinschauen. Der kleine Flur. An den Wänden die vielen schönen Fotografien, die ich gemacht habe. Ich sehe den Teppich, aus warmer Wolle und feinen Pastelltöne gewebt. Jack, mein Hund liegt heute nicht auf diesem Teppich. Geradeaus geht es weiter. Das Wohnzimmer, mein Klavier, wieder Fotografien. Zeichnungen von mir. Ich schaue in den Garten, die weißen Vintage-Gartenmöbel. Ich muss den Geburtstagstisch noch schmücken. Ich muss den Kuchen auf die Porzellan Kuchenplatte stellen. So viel muss ich heute noch tun.

Aber ich kann es nicht mehr. Ich liege kaputt auf der Straße. Fast tot.

Da schreit es mir in die Ohren. Da reißt jemand mich hoch. Da schlägt mir jemand fest in den Magen, tritt mir in den Rücken. Ich sacke zusammen, ich kann mich nicht wehren. Ich will mich nicht wehren. Wozu?

Ich werde ins Auto geschliffen. Ins Gesicht geschlagen, bespuckt und jemand pinkelt auf mich.

„Wo sind meine Kinder?“ schreie ich plötzlich.

Ich schreie und schreie und schreie, dass alle Nachbarn, alle, die aus ihren Fenstern gierig glotzen, sich sofort die Ohren zuhalten!

Der Schäferhund eine Straße weiter fängt an laut zu bellen. Ich kreische und brülle, wie noch nie zuvor! Fenster schlagen knallend zu. Türen fallen ins Schloß. Ich höre eiliges Laufen. Die Straße leert sich. Ein letzter lauter Schrei und um mich ist Stille.

Ich bin keine Mutter mehr. Ich bin abgeschnitten von Euch.  

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Bianca sagt:

    Ich freue mich, dass Du wieder bloggst. Es tut gut zu hören, dass Dein Leben trotzdem weiter geht und Du das Beste daraus machst.
    Die meisten Menschen in D sind sich nicht bewusst, dass so etwas passieren kann. Das Problem wird ja auch nirgendwo wirklich thematisiert und richtig analysiert. Umso wichtiger finde ich Deinen Blog. Mach unbedingt weiter. Du schreibst wirklich gut!

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    1. Entmuttert sagt:

      Vielen Dank 😊

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  2. Mone sagt:

    Genau so ist es. Wahre Worte!

    Gefällt 1 Person

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