Die gesellschaftliche Stigmatisierung der Frau und Mutter bei Sorgerechtsentzug

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Wenn ich mich als entsorgte Mutter gegenüber Personen oute, die mich und meinen Lebenswegs nicht über Jahre verfolgt haben und  weder meine Person noch meinen Charakter noch meine Lebensstil kennen, erfahre ich doch immer das gleiche Muster an Reaktionen wie zum Beispiel folgendes Erlebnis:
Ich treffe mich mit einer anderen Mutter  und berichte ihr in Ansätzen , wie es zu meiner Entsorgung kam.
Da wir uns in einem öffentlichen Lokal befinden, bestellt sie sich ein alkoholisches Getränk, ich bestelle ein Wasser.
Und augenblicklich kommt folgende Frage von ihr:
Sie: „Sag mal, trinkst du denn keinen Alkohol ?“
Ich: „Ich trinke keinen Alkohol“
Sie: „Schon immer oder erst seit kurzem?“
Ich: „Ich trinke eigentlich nie Alkohol, außerdem muss ich ja fahren.“
Sie: „Aber früher hast du doch sicher mal was getrunken oder?“
Ich: „Warte mal, ich überlege, ja, bestimmt, als ich 18 oder 19 Jahre alt war und mal abends weg gegangen bin.“
Sie: “ Sorry, dass ich das hier so frage, aber ich hab natürlich auch schon von Müttern gehört, die Alkoholikerinnen waren und deshalb ihre Kinder nicht mehr haben.“
Ich: “ Ja, das mag es bestimmt geben.“
Wir wechseln das Thema.
Ich ärgere mich.
Obwohl ich von meiner Geschichte erzählt habe, wie sie sich zugetragen hat, wird mir diese nicht geglaubt, ES MUSS DOCH NOCH etwas anderes vorgefallen sein, so einfach verliert eine Mutter in Deutschland doch nicht das Sorgerecht….
Wir entmutterten Mütter sind stigmatisiert!

Aber was bedeutet Stigmatisierung?

Wissenschaftliche Arbeiten über das Phänomen der „Stigmatisierung“ im allgemeinen Sinne sind zahlreich vorhanden.

Empirische Untersuchungen und Theorieentwicklungen sowie Forschung finden immer mehr in der breiten Öffentlichkeit Interesse:

Um das Wort Stigma überhaupt besser verstehen zu können, ist es wichtig die Definition dessen zu kennen:

„Im ursprünglichen Wortsinn aus dem Griechischen und Lateinischen stammend bedeutet Stigma „Zeichen“, „Brandmal“ oder „Stich“ und diente als Bezeichnung dafür, wenn sich eine Person in besonderer Weise von anderen unterschied. „Die Zeichen wurden in den Körper geschnitten oder gebrannt und taten öffentlich kund, dass der Träger ein Sklave, ein Verbrecher oder ein Verräter war – eine gebrandmarkte, rituell für unrein erklärte Person, die gemieden werden sollte, vor allem auf öffentlichen Plätzen.“ (Goffman 2003:9) Im Mittelalter traten noch religiös geprägte metaphorische Bedeutungsinhalte dazu. (…)

Doch wie erklärt Goffman nun das Phänomen Stigma? Er führt dazu das Konstrukt der „sozialen Identität“ an, das sowohl persönliche Charaktereigenschaften als auch strukturelle Merkmale beinhaltet (vgl. Goffman 2003:10), und unterteilt es in eine „virtuale“ sowie „aktuale“ Seite. Die virtuelle soziale Identität sieht er durch Vorstellungen bzw. Erwartungen charakterisiert, mit Hilfe derer eine Person in bestimmte Kategorien eingeordnet werden kann. Diese prägen das Verhalten, übernehmen auch entlastende Funktionen. Die aktuelle soziale Identität meint dagegen Merkmale und Attribute, über welche die Person tatsächlich verfügt. Zwischen beiden Identitätsformen kommt es notwendigerweise im Alltag zu Differenzen, da Vorstellungen oder Erwartungen eine Person betreffend und die Wirklichkeit in Interaktionsprozessen voneinander abweichen können. Diese Diskrepanzen müssen nicht in jedem Falle als problematisch eingestuft werden. Sie können jedoch dazu führen, dass Personen Attribute zugeschrieben werden, die diese als abweichend kennzeichnen und damit herabstufen. Solche Attribute wertet Goffman dann als Stigma – insbesondere, wenn deren diskreditierende Wirkung sehr stark ist (Goffman 2003:11). „Der Terminus Stigma wird also in Bezug auf eine Eigenschaft gebraucht werden, die zutiefst diskreditierend ist, aber es sollte gesehen werden, dass es einer Begriffssprache von Relationen, nicht von Eigenschaften bedarf.“ (Goffman 2003:11) Das Merkmal selbst steht also nicht im Mittelpunkt eines Zuschreibungsprozesses, sondern die negative Definition dessen.

 

Die Eigenschaft wird erst dann zum Stigma, wenn sie von anderen als Normabweichung verstanden wird und gleichzeitig eine negative Bewertung erfolgt.

 

Für Stigmata ist es daneben charakteristisch, dass über das vorhandene Merkmal hinaus der Person weitere negative Eigenschaften zugeschrieben wer- den, die objektiv keinen oder nur einen geringen Bezug zu dem real vorhandenen Merkmal haben. Hohmeier (1975) spricht von der Übertragung eines Merkmals auf die gesamte Person, wodurch er Stigmatisierung als Prozess der Generalisierung beschreibt, der auf die Person in all ihren sozialen Bezügen wirkt.

Goffman nimmt in seinen weiteren Ausführungen eine Unterteilung von möglichen Stigmata in drei Kategorien vor: „physische Deformationen“ wie z. B. Körperbehinderungen, „individuelle Charakterfehler“ wie etwa Geistesverwirrung, Sucht und daneben noch „phylogenetische Stigmata“ wie Rasse, Nation und Religion (vgl. Goffman 2003:12f). Für alle drei genannten Bereiche gilt, dass Menschen, die stigmatisiert werden, in Eigenschaften und/oder Verhalten in unerwünschter Weise anders sind, als es vom Gegenüber antizipiert wurde.(…)

Die bisherigen theoretischen Vorüberlegungen bilden sich in einer immer noch aktuellen Definition zum Begriff des Stigmas ab, die bei Jones et al. (1984) zu finden ist: „[…] stigma can be seen as a relationship between an ,attribute and a stereotype’ to produce a definition of stigma as a ,mark’ (attribute) that links a person to undesirable characteristics (stereotypes)“ (zit. nach Grausgruber 2005:22). Diese Aussage macht deutlich, dass das Konstrukt Stigma eine Beziehung zwischen einem Attribut und einem Stereotyp darstellt. Über diese Verknüpfung werden der Person unerwünschte Eigenschaften zugeschrieben, sie wird stigmatisiert.

Ein zentraler Begriff, der auch in anderen Definitionen auftaucht, ist der des Stereotyps als „relativ verfestigte, verallgemeinernde oder vereinfachende Bilder von einem Meinungsobjekt.“ (Grausgruber 2005:22) Stereotype können damit die soziale Orientierung durch Verallgemeinerung und Vereinfachung erleichtern, was dem Begriff des Vorurteils nahe kommt. Eine Abstufung im Bedeutungsgehalt muss jedoch vorgenommen werden, da Vorurteile durch eine besonders „verhärtete subjektive Voreingenommenheit“ gekennzeichnet sind (vgl. Graus- gruber 2005:23). Einige Autoren (z. B. Hohmeier 1975) sehen

Stigma als Sonderfall eines sozialen Vorurteils. Und so können Stigmata wie auch Vorurteile auf der Einstellungsebene verortet werden, während der Prozess der Stigmatisierung die Verhaltensebene anspricht.“

Quelle: http://www.hs-hannover.de/fileadmin/media/doc/bibl/blumhardtverlag/leseprobe_ma1.pdf

„Eine frühe Arbeit zu Ursachen und Funktionen von Stigmata stammt von Hohmeier (1975): „Stigmatisierung als sozialer Definitionsprozess“.

Er stellt darin Hypothesen für die Herausbildung von Stigmata auf.

Folgende Voraussetzungen führt Hohmeier für deren Entstehen an:

Stigmata sind mit einer Generalisierung, mit der Übertragung eines einzelnen Merkmals sowie zusätzlichen negativen Attributen auf die gesamte Person verbunden und tragen so aus ihrer Struktur heraus schon zu einer hohen Wirksamkeit von Stigmatisierungsprozessen bei. Damit einhergehend nennt Hohmeier den Wunsch von Individuen nach Unterscheidung und Abgrenzung. Er beschreibt die Orientierung an Vorurteilen als „anthropologisch“ verankert und stellt die Entlastungsfunktion von Vorurteilen heraus. (nach Rüsch et al. 2005:223)

Als weiteres Kriterium für die Durchsetzung von Stigmata führt er die Abweichung von einer allgemeingültigen Norm an, betont aber gleichzeitig, dass ein Normbruch nicht automatisch eine Stigmatisierung auslösen muss. Zusätzliche Faktoren wie Verbindlichkeit und Verbreitung der Norm sind dafür entscheidend. Das Eingreifen von Sanktionsinstanzen oder das Verhalten gesellschaftlicher Gruppen, deren Interessen betroffen sind, hält Hohmeier hier für bedeutsam. In diesem Zusammenhang weist er außerdem darauf hin, dass Prozesse der Stigmatisierung und Diskriminierung machtabhängig sind. Ist ein Machtgefälle zwischen Stigmatisierten und Stigmatisierenden vorhanden, gelingen Ausgrenzung und Stigmatisierung leichter (vgl. Hohmeier 1975).“

Eine frühe Arbeit zu Ursachen und Funktionen von Stigmata stammt von Hohmeier (1975): „Stigmatisierung als sozialer Definitionsprozess“. Er stellt darin Hypothesen für die Herausbildung von Stigmata auf. Folgende Voraussetzungen führt Hohmeier für deren Entstehen an: Stigmata sind mit einer Generalisierung, mit der Übertragung eines einzelnen Merkmals sowie zusätzlichen negativen Attributen auf die gesamte Person verbunden und tragen so aus ihrer Struktur heraus schon zu einer hohen Wirksamkeit von Stigmatisierungsprozessen bei. Damit einhergehend nennt Hohmeier den Wunsch von Individuen nach Unterscheidung und Abgrenzung. Er beschreibt die Orientierung an Vorurteilen als „anthropologisch“ verankert und stellt die Entlastungsfunktion von Vorurteilen heraus. (nach Rüsch et al. 2005:223)

 

Als weiteres Kriterium für die Durchsetzung von Stigmata führt er die Abweichung von einer allgemeingültigen Norm an, betont aber gleichzeitig, dass ein Normbruch nicht automatisch eine Stigmatisierung auslösen muss. Zusätzliche Faktoren wie Verbindlichkeit und Verbreitung der Norm sind dafür entscheidend. Das Eingreifen von Sanktionsinstanzen oder das Verhalten gesellschaftlicher Gruppen, deren Interessen betroffen sind, hält Hohmeier hier für bedeutsam. In diesem Zusammenhang weist er außerdem darauf hin, dass Prozesse der Stigmatisierung und Diskriminierung machtabhängig sind. Ist ein Machtgefälle zwischen Stigmatisierten und Stigmatisierenden vorhanden, gelingen Ausgrenzung und Stigmatisierung leichter (vgl. Hohmeier 1975)“

Quelle: http://www.hs-hannover.de/fileadmin/media/doc/bibl/blumhardtverlag/leseprobe_ma1.pdf
Was bedeutet das für uns entsorgte Mütter?
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Als Normabweichung in unserer Gesellschaft wird es verstanden, wenn Mütter von ihren Kindern entrissen, entsorgt und „entfernt“ werden.
Augenblicklich verknüpft man mit dieser Tatsache eine negative Assoziation, die betroffen Mutter müsse zum Beispiel eine Makel haben, der ihr die Kindererziehung und Betreuung gesetzlich unmöglich mache.
Als mögliche assoziierte Ursachen mag ich hier nennen wollen:
….Suchtabhängigkeit – Alkohol oder Drogen
Sucherkrankung allgemein
psychisch labil oder erkrankt
gewalttätig
labil
sozial niedriger Status
Intelligenzminderung
Kriminalität….
sicherlich lassen sich noch einige mehr Faktoren finden, die in den Köpfen der Gesellschaft beim ersten Hören  von einer entsorgten Mutter assoziiert werden.
Wie sollen wir betroffene Mütter mit dieser Stigmatisierung umgehen?
Ich bin sicher, dass jede betroffene Mutter, sobald sie sich geoutet hat, in irgendeiner Form komisch angeschaut wurde, das Gefühl hatte, man glaubt ihr diese Geschichte sowieso nicht oder hinterfragt wurde, ob nicht doch etwas anderes vorgefallen sein muss.
Warum müssen wir uns ständig dafür rechtfertigen?
Warum werden wir, wenn wir unseren Mut zusammen nehmen und von der schrecklichsten Geschichte unseres Lebens erzählen, die unfraglich, das schmerzhaftestes  Erleben unseres Frau-Seins ausmacht, mit Ablehnung konfrontiert?
Warum  werden wir sogar von anderen Müttern als Aussätzige behandelt, als schlecht eingestuft als normabweichend und damit als sozial negativ?
Es ist wirklich erschreckend!
Heutzutage, wo „Schwulsein“ also „Anders-Sein“ gesellschaftlich anerkannt ist und akzeptiert und toleriert wird im weitesten Sinne, ist es nichts mehr sozial verwerfliches, wenn ein Mann sich als homosexuell outet.
Wenn aber eine unfreiwillig entmutterte Mutter öffentlich dazu steht, dass sie nicht mehr das Recht zur Sorge an ihren Kindern hat ( auch wenn sie es umbedingt haben will), dann ist es gesellschaftlich immer noch ein großes Tabuthema.
Eine Stigmatisierung der betroffenen Frau.
Und ist es nicht auch eine Stigmatisierung der betroffenen Kinder?
Erhalten sie nicht auch die gleiche Rückmeldung aus der Gesellschaft bzgl. ihrer Mutter?
Ich bin richtig sauer darüber, wie mit uns entmutterten Müttern umgegangen wird.
Ich bin sauer, dass unsere Geschichten nicht geglaubt werden.
Ich bin sauer, wenn ich höre, aber das kann ja nicht sein, das muss doch auch anders gehen.
Ich bin sauer, wenn keiner, die hier den Mund gegen uns aufmachen, jemals auch nur ansatzweise das nachempfinden kann, was wir durchmachen und durchgemacht haben!
Manche von uns sind finanziell einfach am ENDE, um weiter gerichtlich zu kämpfen.
Einige von uns, hören auf sich zu wehren FÜR IHRE KINDER, zum WOHL der Kinder, damit der endlose Kampf nicht noch weiter auf ihren Rücken ausgetragen wird.
Wiederum andere sind leider entmutigt, kraftlos, krank geworden und so erschüttert und getroffen von den Geschehnissen, dass sie  sich gar nicht mehr weheren können.
Aber daran denkt ja niemand, der uns in eine Schublade steckt!
Ich habe es satt nur weil meine Kinder nicht bei mir leben, als Alkoholikerin insgeheim eingestuft zu werden, wenn ich KEINEN Alkohol trinke.
Ich habe es einfach satt, von anderen Müttern abgewertet zu werden, obwohl WIR diejenigen Mütter sind, die weiß Gott, wirklich für unsere Kinder kämpfen, leiden und aus Liebe für UNSERE KINDER all das Leid auf uns nehmen.
Ganz ehrlich, ich hoffe, dass keine Mutter das erleben muss, was ich widerfahren habe.
Und zum Schluss:
WÄREN WIR ZUM BEISPIEL AUFGRUND VON ALKHOL entsorgt worden, dann wären wir aber auch so mutig, genau DAS zu erzählen.
Weil wir nämlich sehr wohl reflektieren können und unsere Fehler einsehen können, wenn es welche gegeben hat.
Aber nur aufgrund der Abweichung der Norm in eine Schublade gesteckt zu werden, nur weil es die einfachste Erklärung ist, das finde ich nicht in Ordnung.
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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. A. Hinkel sagt:

    Den Mitarbeitern von Ämtern, die solche Behauptungen aufstellen, sollte man sofort Unterlassungsklagen schicken. Die verstehen leider keine andere Sprache.

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    1. Entmuttert sagt:

      Aber die verstehen sicher auch nicht die Sprache der Unterlassungsklage, oder? Schon mal ausprobiert?

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  2. Simmis Mama sagt:

    Ganz genau so ging es uns nonstop mit dem Jugendamt. Deinen Artikel finde ich deshalb hochinteressant. Das Amt bekam von allen Berufsschichten die Bestätigung, dass wir böse seien, weil wir schon stigmatisiert waren. Danke für diese Erläuterung!

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