Es war einmal….


… eine einsame Frau, die allein mit ihrer Katze lebte.

Wenn sie morgens aufwachte, lag die Katze auf ihrer Brust und schaute sie ehrlich und treu an.

Die einsame Frau streichelte ihr über das Köpfchen und sprach leise und sanft zu ihr.

Viele Kosenamen hatte sie für ihre Katze. Liebende Worte.

Ohne ihre Katze konnte sie nicht einschlafen. Ohne ihre Katze wollte sie nicht mehr sein.

Die Katze hielt sie am Leben. Sie gab ihr Sinn und Hoffnung und Freude.

Gerne schaute sich die einsame Frau Tier-Dokumentationen an.

Eine Puma-Junges hatte sich verirrt und kam nicht mehr zu Mutter zurück. Tagelang suchte die Mutter nach ihrem Jungen, schrie nach ihm. Vergeblich. Das Junge war verschwunden.

Sich Sorgen machen  und nicht Sorgen DÜRFEN.

Die einsame Frau quälte sich.

„Mittlerweile quälen mich die Sorgen um meine Kinder so sehr, dass ich oftmals denke, je weniger Berührungspunkte ich mit ihnen habe, desto besser geht es mir.“ , sagte sie zu ihrer Katze, während sie mit einer Bürste durch ihr Fell strich.

„Mein ältestes Tochter ist nun 18 Jahre alt.

Ich bin frei vom Sorgerechts-Entzug.

9 Jahre habe ich abgesessen.

Der Vergleich mit einer Haftstrafe, den zieh ich immer wieder.

Für mich ist es genau das:

Eine Strafe mit einem hohen Strafmaß.

Eine abzusitzende Zeit.

9 Jahre sind vorbei.

Ich bin also frei.

Frei in meiner Hoffnung auf eine innige Mutter- Tochter- Beziehung.

Doch da hab ich mich getäuscht.

Ich spüre Ablehnung, Verachtung.

Bin ausgeschlossen aus ihrem Leben, das sie nun so ganz anders führt, als ich mir für sie gewünscht hatte.

Ein herber Rückschlag. Der ziemlich weh tut.

Sie hat es ihr gesagt.

Es tue ihr leid, sagt sie.

Die einsame Frau hielt kurz inne.

Die Katze lag aufmerksam auf ihrem Schoß.

Mittlerweile hatte sie aufgehört, das Fell zu bürsten.

Sie streichelte nun die Katze und die Katze dankte es ihr mit einem hörbaren Schnurren.

Allein sein und Einsamkeit.

„Ich bin ein Asket geworden, ich kann mit ganz wenig überleben. Auch mit wenig an Zuneigung.

Ich kann alle meine Ansprüche wieder zurückschrauben, wenn es sein muss.

Ich bin ein Chamäleon geworden.“, dachte die einsame Frau.

Anpassung. Auf der Hut sein. Sich verändern, wenn es sein muss.

Die  Haut abstreifen, wenn es nicht mehr geht. Wachsen. Neu beginnen.

Immer alles auf Anfang, immer nur nach Vorne schauen.

Sorgen kommen auf, als die jüngere Tochter eine SMS schickte.

„Wie geht es Dir, Mama?“, stand auf dem Telefon-Display.

Sie lebt seit kurzem  in einem „Internat“ für körperbehinderte Menschen.

Sie hat ein Telefon, mit dem die einsame Frau ihr SMS schreiben kann oder sie anrufen.

Wenn es denn so einfach wäre. Sie hat kein Whatsapp.

Vor einigen Jahren hatte die einsame Frau Deutschland verlassen. Sie lebt nun nicht mehr in der EU.

Von ihrem Prepaid Guthaben sinkt  bei jeder SMS, bei jedem Anruf von der einsamen Frau, der aufgeladene Betrag. Der Vater will nicht dass die einsame Frau und ihre Tochter Kontakt haben.

Ein Smartphone kommt nicht in Frage, sagt er.

So leidet sie,  wenn sie verzweifelte Nachrichten von ihrer Tochter erhält.

So leidet sie weiter, wenn sie bemerkt, dass die Nachrichten weniger und seltener werden.

Bei jeder SMS hatte sie nach einem Satz einen Namen geschrieben: Mama

Wenn ihr Guthaben wieder aufgeladen war, schrieb sie:

„Jetzt können wir wieder schreiben, Mama“

„Niemand sonst nennt mich Mama.“, dachte die einsame Frau.

„Die Herbstferien stehen an, ich habe Zugtickets gebucht, um meine Tochter zu mir zu holen, ein paar Tage mit ihr zu verbringen.“, sagt sie zu ihrer schwarzen Katze.

Alles war abgemacht mit dem Vater.

„Ich habe ein Rätselheft für sie gefunden. Ich wusste, was ich mit ihr auf Netflix anschauen wollte: einen Film über die koreanische Pop Gruppe Black Pink, die sie so liebte.

Ich wusste, was ich kochen würde. Spinat mit Kartoffeln und Spiegelei, Spaghetti Bolognese, Fischstäbchen. Alles Gerichte, dich ich nur kochen würden, wenn ich eine Mutter wäre.

Ich malte mir aus, wie sie neben mir im Bett lag und wir morgens zu dritt aufwachen würden:  Ich, meine Katze UND meine Tochter.“, erzählt sie ihrer schnurrenden Katze.

Dann die erschütternde Nachricht.

„Meine Tochter wird nicht kommen.“, erklärt die einsame Frau tonlos.

Buchungen storniert.

Sie muss sich einem Eingriff am Herzen unterziehen.

„Darf ich bitte meine Tochter besuchen?“, frage sie den Vater.

„Du hast kein Sorgerecht“. Erinnert er mich.

Keine Diskussion darüber möglich.

„Mama, die Frau von Papa hat gesagt, wenn ich weiter so wenig esse, kann ich sterben bei der Operation.“, erzählt die Tochter bei einem Telefonat.

Sie ist kraftlos. Entsetzt, gebeutelt. Zumal sie ganz sicher weiß, dass die Stiefmutter genau diesen Satz zu ihrer Tochter gesagt hat.

Es ist  wie in einem dieser grausamen Märchen, die Kinder früher gelesen haben.

Jene Märchen, in denen eine böse Stiefmutter vorkam….

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